Atelierhaus Recklinghausen | Die Wand. Clara Thorbecke: Ich höre Berlin
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Die Wand. Clara Thorbecke: Ich höre Berlin

Clara Thorbecke

Ich höre Berlin

Ich höre Berlin, meine Augen geschlossen.

Zuerst meckert ein flinker Radfahrer,

Flink bewegen sich

Die Ratten im Gebüsch.

In der Ferne, weit in der Ferne Pausenlos die Glocke der Straßenbahn.

Ich höre Berlin, meine Augen geschlossen.


Ich höre Berlin, meine Augen geschlossen.

In der Höhe das Gurren der Tauben,

Die in Scharen fliegen.

Die langen Rechnungen werden bezahlt im Café,

Die Füße eines MOTZ-Verkäufers schlurfen, suchend nach Leergut.

Ich höre Berlin, meine Augen geschlossen.


Ich höre Berlin, meine Augen geschlossen.

Der hippe Touristen-Kanal,

am Paul-Lincke-Bouleplatz das Geschrei der Spieler,

Die Brücken voll Gesang.

Das Gehämmer von den Clubs her;

Im Frühlingswind der Geruch von Cityklos.

Ich höre Berlin, meine Augen geschlossen.


Ich höre Berlin, meine Augen geschlossen.

Im Kopf die Melodie rasender Motoren.

Ein Platz mit spiegelnden Hochhäusern,

spielende Kinder im Park, alle Sprachen.

Der Radfahrer stoppt beim Späti.

Ich höre Berlin, meine Augen geschlossen.


Das Gedicht entstand als Parallelgedicht zu „Ich höre Istanbul“ von Orhan Veli aus dem Jahr 1941.

Die für die Atelierhaus – WAND ausgewählten Grafiken gehören zur Serie 365.3 – Jeden Tag eine Radierung aus dem Jahr 2021.

Für dieses Projekt wurde von der Künstlerin im Zeitraum eines Jahres jeden Tag eine Kaltnadelradierung hergestellt und gedruckt. Die Motive für die Platten fanden sich auf den täglichen Wegen durch die Stadt Berlin. Sie wurden jeweils unmittelbar vor Ort mit der Nadel auf der Platte festgehalten.

Die hier präsentierte Auswahl zeigt verschiedene Ansichten eines Motivs, das in der Grafik-Serie immer wieder auftaucht :
der Landwehrkanal mit seinen verschiedenen Ufern, Brücken, Menschen, Melodien.

Die Serie 365.3 ist das Folgeprojekt der Grafik-Tagebücher 365.1 und 365.2, die in den Jahren 2011 und 2016 entstanden sind.

Clara Thorbecke
geb. 1986, Bildende Künstlerin und Musikerin, lebt und arbeitet in Berlin.
Studium an der Universität der Künste Berlin, Klasse Burkhard Held.
Abschlüsse: Master of Arts, Meisterschülerin.
Studium an der Universidad de Complutense, Madrid.
Förderpreis für junge Kunst „Henriettenglück“, Atelierhaus Recklinghausen (2015).
Helmut-Thoma-Preis für Grafik, Universität der Künste Berlin (2016).
Einzelausstellungen und Teilnahme an Gruppenausstellungen.